Archive for Juli, 2005

H-Milch oder H-Bomb?

Samstag, Juli 9th, 2005

Wieder mal ein Monolog. Über ent-Scheidungen. Über das Zusammentreffen von Fiktion und Realität, oder eher Vorstellung und Realisierbarkeit.

Zwischen der Idee und der Realisierung steht nicht mehr viel zwischen; im Weg. Die meisten Hürden sind schon überwunden, wenn auch immer mit Verlusten. Nichts wird einem geschenkt, daher vielleicht!

Entscheidungen, Entschlüsse: Wir sehen „Objekte“ nicht mehr von weitem sondern werden eins mit dem Betrachteten Gegenstand. Wir werden ent-schieden, wir werden ent-schlossen. Wir öffnen uns, aber erst nach der Ehe mit dem anderen und fremden.

Wollen wir einen Baum fällen, schwirrt uns der Gedanke im Kopf herum, wie wir am Besten den Baum zu Fall bekommen. Solange wir denken, sind wir entschieden, wir haben keine einzige Lösung, sondern viele. Solange wir ent-schließen, sind wir noch nicht ent-schlossen. Erst mit der Aktion lösen wir das Problem der vielen Lösungen, haben eine Lösung gefunden, eine Entscheidung getroffen. Offen durch die Einheit mit dem vorgestellten Objekt. Durch Gedanken sind wir immer getrennt von unserer Umwelt. Erst wenn wir den Baum nutzen, werden wir eins mit ihm. Ob wir ihn zur Orientierung nutzen, oder zum Tisch herstellen, wir haben nicht nur ein Bild von einem Baum im Kopf, sondern auch einen realen „Begriff“ gemacht. Wir begreifen die Idee vom Baum und verstehen. Der Baum als reine Idee, der ideale Baum also, verschwindet und es tritt der Reale hervor. Mit diesem neuen, imperfekten Bild müssen wir leben.

Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wer auf Details fixiert ist, kann sich nicht der wahren Schau öffnen. Die Gesamtheit bleibt einem Unzugänglich.
Intellektuell lässt sich so Natur niemals fassen, da Natur kein menschliches intellektuelles Konzept ist. Erst die kulturelle Maschinerie ist als menschliches Konzept ist verständlich. Natur kann so nur poetisch & wissenschaftlich usw. versucht gefasst zu werden, doch niemals nur theoretisch.

Auch wenn wir uns als Anti-Natur verstehen, also Natur objektivierbar gemacht haben, den perfekten wissenschaftlichen Standpunkt einnehmen können, müssen wir zugegebenermaßen anerkennen, dass wir sogar als „Aussenstehende“ Beobachter Natur nicht unbeeinflusst sehen können, also nicht nur subjektiv, sondern auch in Wechselwirkung. Vielleicht fühlt die Tomatenstaude sich von einem mehr beobachtet, als von jmd. anderem! So gesehen können wir den Wissenschaftlern nicht trauen, aber sollten wir das? Wollen wir Angela Merkel als Bundeskanzler/-in?

Entscheidungen sind jedoch das, was Leben ausmacht. Jede Amöbe hat die Möglichkeit sich zu entscheiden. Es gibt immer 2 Wege, die man gehen kann, und das trifft auch auf anderes Leben zu. Eigentlich die Definition von Leben - entscheiden zu können.

Wer an einer Gabelung steht, muss sich entscheiden wohin er gehen will. Erst nach der Entscheidung ist der Entscheidende durch den Entschluss wieder entschlossen und somit bei sich.

Die Möglichkeiten sind für eine Amöbe beschränkt, doch haben wir mehr Möglichkeiten zu entscheiden, oder sind es nicht auch immer nur ja und/oder nein Entscheidungen? Auto ja/nein, trinken ja/nein, sekt / selters, dann aber im Konsens: trinken ja, aber was!

Auch beim Schach gibt es nur wenige Entscheidungen. Anzahl der eigenen Figuren mal Anzahl derer Zugmöglichkeiten.

Doch beschränken sich die meisten unserer Entscheidungen in dem entscheidenden Moment auf 1 oder 2.
Und dann käme die Vorbestimmung ins Spiel, dass wir nun doch nicht so entscheiden, wie wir denken, sondern die Entschlüsse schon vorher gefasst wurden, durch kulturelle, familiäre und kommerzielle Einfüsse.

Wir führen ein Leben. Wir führen aus, was in uns steckt. Wir führen ein Leben aus, das zu grossen Teilen vorbestimmt ist. Doch genug davon!

Zurück zur Natur:

Wenn wir früher Entscheidungen zu treffen hatten, hatte das meist nur sehr unmittelbare Auswirkungen. Ein Eichhörnchen fasziniert durch seine Vorrats-Käufe und -Verstecke. Es denkt weiter und mit etwas Instinkt und Glück findet es sein Versteck auch wieder vor, wenn es in der Not ist und es ist noch was drin.

Ein Eichhörnchen „denkt“ weiter, trifft Zukunftsentscheidungen. Wir denken noch weiter, wenn auch nur sehr egoistisch. Es sind mittlerweile viele Maschinen unter uns, die menschliche Aufgaben erledigen. Von der Idee der weißen Wäsche und der weißen Wäsche an sich steht nur noch der Wäschekorb, das Sortieren, das Waschmittel und ein paar Knöpfe und der Kondenstrockner mit weiteren Schaltern.

Die Arbeit, der beschwerliche Weg, ist reduziert worden. Auch Obst und Milch kommen aus dem Supermarkt. Wer pflückt und melkt noch selbst? Niemand mehr, denn auch die Bauern lassen melken und pflücken. Die Arbeit ist die des Controllers, des Wirtschafters hinter dem Steuerpult.

So wie ich gerade Musik höre, merke ich auch den hohen Elektro-Anteil der deutschen Pop-Musik. Das sind ja auch „nur“ Knöpfe und Regler. Die Programmierung hinter jeder großen CD nimmt einen immer größeren Anteil und auch die Musiker sind von Handwerkern und Künstlern zu Programmier-Künstlern geworden. Vieles wird auch einfach nur re-Mixed. Also 100% Konserve mit der Maschine geändert und wieder sauber konserviert.

Auch brauche ich zum korrigieren kein Tipp-Ex mehr. Nur noch eine Taste. Rückstandsfrei.

Zigaretten kommen aus Automaten auf das Fließband des Supermarktes oder Hypermarktes, wenn in Frankreich. Flaschen werden auch Automat-isch, also durch einen Automaten zurückgenommen. In Holland erfolgt auch die Frittenbude über Automaten, in Japan werden Sushi am Fließband gegessen – ganz traditionell.

In der neuen S-Klasse stehen, oder eher sitzen dem Fahrer nun so viele Assistenten zur Verfügung, dass man sich fragen könnte, was der Mensch noch macht außer in spontanen Situationen einzugreifen in den „Assisted Mode“. Tempomat, Climatronic, Automatik, ESP, usw.

Der Blinker blinkt schon selbsttätig bei Lenkradeinschlag. Die Lampen neigen sich mit, oder eher „gieren“. Mehrere Radars überprüfen die Umgebung nach Hindernissen, Infrarot-Kameras bereiten ein Bild auf, das im Sichtfeld Lebewesen hervorgehoben darstellt.

Es werden heute nur noch wichtige Zukunfts-Entscheidungen verlangt, wie Versicherungswahl, Autowahl, Politikerwahl, usw. – alles auch über Internetformulare, oder Touchscreen. Den Rest erledigt die Maschine.

Wo ist das Wert-Papier, wo der direkte Kontakt zum Minister? Indirekter geht es kaum, als elektronisch, oder ist die elektronische Kommunikation bald die direkteste, die wahrste? Gibt es keinen Gerichtsschreiber, -zeichner mehr, weil die Zeit vor ist.

Werbung könnte auch so sein: Kaufen sie den Knopf, der für viele die Welt verändert hat (der die Hiroshima-Bombe ausgeklinkt hat). Möge die Macht (Amerika?, Gott?) mit Ihnen sein! Die Todespiloten waren sich lange nicht im klaren, was sie da machen und das es doch kein Spiel ist. Bei der Detonation haben Sie fassungslos mit angesehen, was sie bewirkt haben. Und sich später Ihre Leben genommen. Mit einem Knopfdruck wird nichts folgenreiches verbunden.
Es könnte Milch aus einem Kaffeeautomaten sein, oder auch eine Bombe abgeworfen werden. Die letzte Entscheidung hat der, der den Knopf drückt, und bestimmt war es ein einfacher Knopf, wie er auch noch in vielen anderen Bereichen eigesetzt wird.

Es ist schon verrückt, da Knöpfe keine Natur nachahmen; es gibt nicht einen Original-Knopf aus der Savanne, mit dem man früher etwas bestimmtes gemacht hat. Knöpfe haben Hemden zusammengehalten.

Deshalb sind sie wohl auch so universell - es gibt keine Analogie zur Natur, zu irgendeinem Ursprung. Knöpfe waren schon immer programmierbar. So gesehen gibt es keinen Unterschied zum Touchscreen, keinen Vorteil, noch das Druckgefühl zu haben. Ausser evtl. das man einen Touch-Screen eher aus Versehen fehlbedienen kann. Brauchen wir Knöpfe mit Funktionen an einer bestimmten Stelle, oder reicht nicht auch ein Tastenfeld mit sich ständig wechselnden Funktionen. Tastenbelegungen, wo hinter jeder Taste mehrere Funktionen beherbergt sind. Wie auch bei verschiedenen Geschicklichkeitsspielen, wo Kombinationen aus Geräuschen und wechselnden Tastenbeleuchtungen ins Gedächnis gerufen werden sollen. Die Sequenzen werden immer länger. Memory mit ständig wechselnden Motiven. Werden so unsere Computer-Kinder zu zukünftigen Programmierern porgrammiert?

Doch was vermittelt diese Schnittstelle zwischen Vorstellung und Realisierung? Im Internet wird oft auf Buttons mehrfach geklickt, wenn nichts zu passieren scheint. Die Programmierung, die dadurch durcheinander gerät ist geschützt durch „Bitte nur 1x klicken“ oder „only click once“. Aber ich kenne keinen, der das liest. Ausser dem der es kennt, nimmt es keiner wahr.

An Kreditkartenabrechnungen ist sehr gut zu erkennen, das den meisten die abstrakte, verdeckte Art der Knopfbestimmten Lebensführung nicht gut bekommt. Dann sind wir wohl doch noch nicht bereit für Internetkäufe per Kreditkarte.

Ein Schüler von mir staunte nicht schlecht, als er sein geliebtes Spiel für den Mac per Software-Download bekam und nur 2 Euro per Kreditkarte zahlen musste.
Da erscheine ich ihm wie ein Halb-Gott, wenn er es nicht in fünf Jahren schafft an das Spiel zu kommen, was ich in 5 Minuten auf mehreren Rechnern habe und ein paar Minuten später zusätzlich auf CD.

Das ist die Angst und Faszination, die von Knöpfen und Programmierern ausgeht, wir programmieren jetzt schon nicht nur unsere Welt, sondern auch die der ins Altenheim geschickten, und unserer Kinder. Die Matrix ist real, weil wir die Realität virtualisieren und Dinge machen lassen können, die vorher mächtige Maschinen gemacht haben und selbst die mächtigsten Maschinen zu unseren Zwecken programmieren können.

Das Problem im Internet, also auch des PCs, alle Knöpfe sehen gleich aus! Schlimmer noch als im Cockpit einer Linienflugmaschine. Es gibt Links, links und links. Doch einmal blau und unterstrichener Text, einmal als Button, wieder mal als Grafik, oder auch als Bild. Es gibt zwar einen gemeinsamen Sinn, doch keine Einheitliche Richtlinie, wie so was aufgebaut sein sollte. Navigation, Inhalt, Links sind überall und alles kann passieren, wenn man draufklickt.

Man kann es gut bei Handys sehen, die Menüstruktur ändert sich so oft, auch bei nur einem Hersteller, das man sicher sein kann, das noch viel passiert, bis sich ein richtig durchdachtes System, das sich Benutzerführung nennen darf, wieder als Menü eingesetzt wird.

Enscheidungen werden also über Knöpfe gemacht, ausgeführt dann von Maschinen. Daher sollte es auch wichtig sein, das Knöpfe eine Priorität verpasst bekommen, besonders im Internet, wenn es überhaupt etwas ändern sollte, da auch bei Kampfbomberpiloten der besonderste Knopf, nur ein Knopf ist von vielen, und es doch an der Bombe liegt, was am Ende passiert.

Eigentlich schade, dass so viel verloren geht bei den ganzen Knöpfen. Die ganze Erfahrungen die uns vorenthalten werden, weil wir keine Gefühle mehr haben können bei Knopf-Entscheidungen. Eine Bauchentscheidung kann eigentlich nicht über Knöpfe passieren. Oder eher umgekehrt, das der Mensch nur noch aus dem Bauch entscheidet, weil Knöpfe die rationellen Entscheidung abnehmen?

Vielleicht erledigt aber die Werbung uns und den Rest, der nicht aus dem Bauch kommen kann – Bedürfnisse zu wecken. Werbung ersetzt also Erfahrung und Gefühle. Es muss so sein, da man z.B. Schuhe, sollten es teure Sportschuhe sein, nicht wegen irgendwelcher materiellen Qualitäten kauft, sondern wegen der Beworbenen. Was auch immer das ist, es ist bestimmt nicht die Qualität der Sohle, die menschenfreundliche Herstellung und die umweltfreundliche Materialwahl.

So macht Werbung Bauch-Schmerzen, wenn man an Schuhläden vorbeikommt, ein paar Schuhe ansieht, und sich dagegen entscheidet.

Mindestens ein paar ähnliche Schuhe werden es werden, die Stimmung für Produkte der Art, sagen wir Sneaker, wird sensibilisiert, das Produkt wird in allen Situationen gezeigt, Salon-fähig gemacht.

Es fällt dann leichter sich dafür zu entscheiden, da man Sneaker nun überall sieht. In Sneaker Werbung zuerst, dann auch in hipper T-Com Werbung - indirekt, dann auch in Soaps, dann auch in Clubs und schließlich am eigenen Fuß, ganz direkt.

Oder andersrum, wenn sich einer als Trend-Setter versteht. Interessant, das sich Mode-Designer selten so kleiden, wie die Modewelt suggeriert.
Es täte auch ein Bikini, der ein paar Jahre alt ist, aber nicht, wenn die Werbung andere Modelle zeigt. Zum Glück sieht man leicht die Differenz von Werbung und Realität im Freibad. Bikinis in allen Größen und vor allem aller Jahrgänge.

Schuhe müssen da spezieller sein da man sich ansonsten optisch nicht so sehr unterscheiden kann, Blue-Jeans, T-Shirt mit Aufdruck, alle Menschen tragen trist im Winter, schwarze Kleidung, jeah! aber Schuhe die auch im Gegenlicht noch leuchten. Je weniger sie auf die Straße passen, desto modischer, moderner. Aqua-Shoes zur Zeit.

Entscheidungen führen zusammen, das Produkt und uns, werden getroffen schon vor uns, von unserer omnipräsenten Werbung, auch danach von Knöpfen, Tasten.

Um in unserer Welt bestehen zu können brauchen wir Entscheidungshilfen, Entschlusshilfen. Ampeln, Würfeln, Religion, Werbung. Wer weiß schon noch was gut für einen ist, wenn man Omas Rezepte gegen Schmerzen und Unwohlsein schon nicht mehr kennt und statt dessen einem Meer an Arzneimittelkonzernen & Ärzten glauben muss.

Wir brauchen Werbung, wir brauchen Knöpfe, auch vielleicht noch einen spirituellen Gott. Oder sollen wir wieder wie die Steinzeitmenschen leben?